Wie für meinen Protagonisten Jonathan Kalmäuser waren Wörter auch für mich als Kind mehr als bloße Sprache. Sie waren Zuflucht, Spielraum, manchmal Schutz. Beim Lesen konnte ich in andere Welten verschwinden, beim Schreiben eigene erfinden — und für manches, das im wirklichen Leben rätselhaft blieb, mir Wörter ausdenken, die nur mir gehörten.
Später wurde Sprache für mich Berufsmaterial.
Im Journalismus lernte ich, genau hinzusehen und aus einer unübersichtlichen Wirklichkeit etwas herauszulösen, das verständlich wird. In der Werbung lernte ich, wie stark ein Satz sein kann, wenn er kurz genug ist, zugespitzt genug, verführerisch genug. Und in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gehört Sprache bis heute zu meinem Alltag: informieren, erklären, verdichten, Aufmerksamkeit lenken.
Ich kenne also beide Seiten. Die liebevolle und die nützliche. Die suchende und die wirkende.
Und natürlich ist daran nicht alles falsch. Im Gegenteil. Gut gewählte Sprache kann Wogen glätten. Sie kann Türen öffnen, Zusammenhänge sichtbar machen, Menschen erreichen. Aber sie kann eben auch verkürzen, glätten, überreden, ablenken. Manchmal beginnt der kleine Verrat an den Wörtern genau dort, wo sie besonders gut funktionieren sollen.
Ein Wort wird dann nicht mehr gesucht, weil es stimmt, sondern weil es trifft. Ein Satz soll nicht mehr beim Denken helfen, sondern wirken. Etwas soll glänzen, bevor es verstanden wurde. Und irgendwann merkt man: Zwischen einem guten Gedanken und einer guten Formulierung verläuft manchmal ein erstaunlich schmaler Grat.
Aus dieser Spannung ist viel von dem gewachsen, was mich an Die Großartigen Gärten des Jonathan Kalmäuser interessiert.
Nicht als Abrechnung mit Werbung. Nicht als Misstrauen gegen jedes schöne Bild und jede zugespitzte Formulierung. Eher als eine Frage, die mich seit Jahren begleitet: Was geschieht mit Sprache, wenn sie vor allem um Aufmerksamkeit kämpfen muss?
Und vielleicht noch mehr: Was geschieht mit uns, wenn Wörter nicht mehr erinnern, widersprechen, zögern oder trösten dürfen, sondern nur noch schnell wirken sollen?
Ich schreibe diesen Roman nicht, weil ich einfache Antworten darauf hätte. Ich schreibe ihn eher, weil mich diese Fragen nicht loslassen. Weil Wörter für mich nie nur nützlich waren. Sie haben Ecken, Klang, Geschichte, Widerstand. Manche sind schön. Manche sperrig. Manche wirken, als hätten sie lange irgendwo gewartet.
Und vielleicht glaube ich deshalb, dass man ihnen etwas schuldet: Geduld. Genauigkeit. Und den Mut, sie nicht sofort gefügig zu machen. Vielleicht beginnt dort die eigentliche Werkstattarbeit. Nicht beim schönsten Satz. Sondern bei der Entscheidung, einem Wort noch einen Moment länger zuzuhören.
