Juli 22, 2026 | 0 Kommentare

… größer wird, als man selbst dachte

Kennt ihr das, wenn ihr für einen Moment von eurem Projekt zurücktretet – und plötzlich kaum glauben könnt, was da eigentlich vor euch entsteht?

Meistens betrachte ich meinen Roman aus nächster Nähe. Dann erkenne ich vor allem einzelne Kapitel, Übergänge, Figurenentscheidungen und Formulierungen, die noch nicht stimmen. Ich verschiebe Absätze, streiche Wörter, hole andere zurück und frage mich, ob die Handlung funktioniert – oder ob ich schon wieder viel zu kompliziert gedacht habe.

Kurz gesagt: Ich bin sehr beschäftigt.

Gerade überarbeite ich den ersten Band meiner Romanreihe noch einmal gründlich. Ein Gespräch mit einer kenntnisreichen Literaturagentin hat bei mir einiges in Bewegung gebracht. Danach habe ich für mich entschieden, vor allem den Schluss neu zu fassen, damit der Band einen eigenen, abgeschlossenen Bogen erhält und als eigenständiger Roman bestehen kann.

Das bedeutet nicht, dass ich meine Geschichte plötzlich für falsch halte. Aber ich muss deutlicher herausarbeiten, welche Entwicklung Jonathan bereits in diesem Band durchläuft, dass er selbst die Entscheidung trifft, die ihm bisher von der Antagonistin abgenommen wurde welches Versprechen die Geschichte am Ende einlösen muss.

Während ich mich mit solchen Fragen beschäftige, sehe ich vor allem die Baustellen.

Und dann sagte vor Kurzem jemand über meinen Roman:

„Er nutzt Phantastik nicht als Selbstzweck, sondern um über Sprache, Aufmerksamkeit und unsere Gegenwart nachzudenken.“

Dieser Satz ließ mich für einen Moment neben mein eigenes Werk treten.

Plötzlich sah ich nicht mehr nur das Kapitel, das noch nicht funktioniert, den Schluss, der sich verändern muss, oder das Exposé, an dem ich erneut feile.

Ich sah einen Roman.

Eine eigene Welt mit vergessenen Wörtern und eigenwilligen Figuren. Und eine Geschichte, deren Bedeutung über ihre phantastischen Einfälle hinausreicht.

Natürlich habe ich die Themen in diesen Roman hineingeschrieben. Trotzdem ist es etwas anderes, wenn jemand von außen erkennt, was man selbst über Jahre hinweg Satz für Satz und Kapitel für Kapitel aufgebaut hat.

In solchen Augenblicken wird mir plötzlich bewusst, was da eigentlich entsteht.

Das ist wunderschön. Und ein bisschen beängstigend.

Denn einem großen Gedanken möchte man gerecht werden. Man möchte die richtige Form für ihn finden, die Geschichte nicht unter ihren Möglichkeiten lassen und zugleich nicht vergessen, dass sie eines sein soll: ein guter Roman (zunächst erstmal für mich).

Und ja: Dieser Satz darf natürlich mit ins Anschreiben an die Agenturen. Ein wenig geschickt darf man schließlich sein.

Aber dieses Gefühl erlaube ich mir nur für einen kurzen Moment.

Dann mache ich mich wieder an die Arbeit.

Kennt ihr diesen Moment auch? Was hat euch euer eigenes Projekt plötzlich mit anderen Augen sehen lassen?